Theaterkritik – Richard III. in der Schaubühne Berlin

13. Februar 2015 - Theater

Lars II.

Richard ist von der Natur entstellt: Buckel, schiefe Zähne, Klumpfuß. Und obwohl er Bruder des Königs ist, bleibt er ein ausgestoßener, der auch in der großen Partynacht nur um die Feiermeute herumscharwenzelt als wirklich Teil von ihr zu sein. Elektronische Musik dröhnt aus dem Hintergrund, dazu Champagner, Zigarren und Konfettikanonen. Berliner Hedonismus. Und Richard? „Für dich heute leider nicht!“

Die Inszenierung von Richard III. an der Schaubühne Berlin beginnt mit einem Knall. Unverkennbar die Handschrift Thomas Ostermeiers, dessen Hamlet nicht zu Unrecht ein Welterfolg wurde. In der Hauptrolle auch dieses Mal Lars Eidinger, nach dem Fatsuit in Hamlet nun also mit Buckel. Shakespeares Bösewicht spielt Eidinger mit vollem Körpereinsatz.

Banalität des Bösen?

Richard beschließt also, böse zu werden und schaltet auf dem Weg zum Thron seine Gegenspieler durch Intrigen aus oder lässt sie ermorden. Aber das Böse ist nicht so banal, wie viele meinen, auch wenn es sich im scheinbar Trivialen auslebt. Richard lässt fast beiläufig töten, verführt spöttisch die Witwe seines Opfers und ist auch sonst eher hinterhältig und oftmals einlullend in seinen Machenschaften. Aber genau darin besteht die Krux: Nicht seine Bösartigkeit und grausamen Taten machen bei Ostermeier Shakespeares obersten Bösewicht aus, sondern die Macht seiner Zunge, die im Gegensatz zu seinem verwachsenen Körper überaus geschickt ist.

Denn seine Pläne sind keineswegs verborgen. Freigiebig gesteht er sie jedem, der es hören will – und dem Rest auch, wie dem Publikum, das er über das von der Decke baumelnde Mikrofon zum Komplizen macht. Den Thron erringt er nicht obwohl, sondern gerade weil er offenkundig Schlechtes tut und zugibt.

Exemplarisch die unerhöhrte Verführung der Lady Anne auf dem Sarg ihres Gatten. Seine Schlechtigkeit gibt er zu, bietet Anne sogar das Schwert an um ihn zu töten, nur um sie mit ihrem eigenen schlechten Gewissen davon abzuhalten. Seine Liebe zu ihr sei schließlich ihre eigene Schuld. So setzt er seinen Willen durch und zieht mit einem ironischen „Wurde jemals eine Frau in dieser Stimmung gewonnen?“ noch das Publikum mit auf seine Seite.

Kleine Komplimente und Gefälligkeiten ebnen den Weg zur Krone, Der Pate und House of Cards lassen grüßen. Die Rhetorik des Bösen funktioniert so perfide, weil niemand frei von Schuld ist.

One-Man-Show

Lars Eidinger spielt beeindruckend. In dem eigens dafür eingerichteten elisabethanischem Theater – rund, steil aufsteigend und den Schauspielern sehr, sehr nah – verschlingt Eidingers Präsenz den Großteil des restlichen Ensembles. Ob das gut ist, muss jeder für sich entscheiden. Natürlich hat Shakespeare diese Figur dominant angelegt und Ostermeier inszeniert entsprechend: Viele Schauspieler spielen mehrere Figuren, die dadurch fast beliebig wirken (Die Figuren, nicht die Schauspieler). Die beiden Söhne Edwards und rechtmäßige Thronfolger sind folgerichtig nur noch zwei bleiche Puppen.

Seine Art des Schauspielens begründet Eidingers Ruhm und die fast überschwängliche Begeisterung für alles, was er anfasst. Alle anderen spielen nur Theater, Eidinger als Posterboy der Schaubühne zelebriert das Spiel. Doch dabei mischt sich mitunter etwas zu viel seiner eigenen Person in die Rolle. Wenn Robert Beyer als Margaret von der Empore herunterflucht, lässt er seine Figur sprechen, trotz leiser, krächzender Stimme. Aber wenn Eidinger drauf steht, ist auch Eidinger drin – bei allem Talent auch mal zu viel des Guten.

Seine Fans mag das kaum stören und bei dieser Performance wohl auch kaum jemand anderen. Dass der Abend insgesamt fesselt, steht außer Frage.

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