Predestination – Filmkritik

13. Januar 2015 - Bücher und Filme

In einem bemerkenswerten Essay auf medium schreibt Tim Carmondy über die Unfähigkeit vieler Science Fiction Filme tatsächlich etwas über Science, in diesem Fall Technologie, auszusagen. Minority Report sei letztlich ein Film über einen gebrochenen Vater, und her handele im Grunde von Liebe und Einsamkeit, dessen erzählerisches Vehikel die künstliche Intelligenz von Samantha ist. Aliens hingegen sei eine gelungene Darstellung einer Menschheit, die sich mit Hilfe der Technologie wie selbstverständlich durchs Weltall bewegt, aber dessen so verlängerter Arm größtenteils aus rostigen Raumschiffen und eher rustikalen Laderobotern besteht. Der Kampf gegen die physisch überlegene Alienrasse wird nur um Haaresbreite gewonnen.

Was Carmondy hier für die Technologie beschreibt, lässt sich ebenso auf das Thema Zeitreisen anwenden. Bei Filmen wie der Back to the Future Trilogie oder Bill and Teds excellent Adventures bereitet die Zeitreise nur die Bühne für das bunte Spektakel – was ihre Qualität keinesfalls mindert. Andere Filme wiederum, etwa 12 Monkeys oder Donnie Darko, spielen auf der anderen Seite der Skala umso stärker mit möglichen Paradoxien und Auswirkungen von Zeitreisen hin zu einem alles in Frage stellenden Finale.

Predestination tendiert zu der letzteren Sorte. Die Story des zeitreisenden Bartenders, der auf der Suche nach einem Bombenattentäter, dem Fizzle Bomber, auch seine eigene Vergangenheit (und Zukunft) beeinflussen muss, hat echte Kopfnüsse und astreine WTF-Momente zu bieten. Da man an dieser Stelle aber nicht weiterkommt, ohne zu viel zu verraten, hier ein dickes…

– SPOILER ALERT –

Denn die am Ende gar nicht so überraschende, weil sich andeutende Wendung des Films spielt mit dem Predestination-Paradox. Der Barkeeper John bringt eine jüngere Version seiner selbst zurück in die Vergangenheit, wo dieser sich in Jane verliebt und mit ihr ein Kind zeugt. Der Bartender nimmt das Kind und bringt es zurück in die Vergangenheit: es ist Jane selber. Jane, als echter Hermaphrodit mit beiden Geschlechtern geboren, wird nach der Geburt einer Operation unterzogen und wird zu John. Der später wiederum in die Vergangenheit gebracht wird, um mit Jane… und so weiter ad infinitum. John ist damit paradoxer Weise jeweils sein eigener Vater, Mutter und Großvater. Alles klar? Nein? Okay…

Suspension of disbelief

Wie bei jedem Film oder Buch muss man, um die Erzählung mitzugehen, diese Prämisse akzeptieren: Das berühmte „suspension of disbelief“, die Akzeptanz des Unwahrscheinlichen oder Unmöglichen. Eine Fähigkeit, die allerdings nicht sehr weit verbreitet scheint, nimmt man die Kommentare in einschlägigen Foren als Maßstab, die dem Film auf Grund des Paradoxons schlichtweg jede Qualität absprechen. Eine ausgiebige Diskussion des Paradoxons und eine Aufschlüsselung der Einwelt/Mehrwelten Problematik ist übrigens auf Astronomy Trek zu finden.

Doch zurück zum Film.

Denn der funktioniert. Ohne viel Action und mit einem Hauch Noir hat der Film einen meisterhaften Erzählrhythmus. Ethan Hawk und vor allem Sarah Snook mit einer bahnbrechenden Performance erbauen in der ersten Hälfte des Filmes ein fesselndes Gedankengebäude, das auf Grund seiner eigentlich widersprüchliche Selbstreferenz eigentlich wie ein Kartenhaus zusammenbrechen müsste.

Nomaden der Zeit

Der Film bietet also mehr als Zeitparadoxa. Die Frage nach dem Geschlecht wird ausführlich diskutiert, ein Blick wird riskiert auf historische Geschlechterrollen. Ebenso die Frage nach dem Sinn und Zweck des eigenen Lebens. Jane/John ist im zeitlichen Kreislauf gefangen, ohne Herkunft und ohne Wurzeln bedingt er durch sein Handeln seine eigene Existenz. Am Ende selber zum Fizzle Bomber werden, um den Kreislauf am Laufen zu erhalten. Die Schlange, die sich selber frisst.

Basierend auf Robert A. Heinleins „-All you Zombies-“ entfaltet sich eine nicht bloß ironische Wendung im letzten Absatz der Kurzgeschichte:

I know where I came from – but where did all you zombies came from?

Für Jane/John wird sein eigenes Leben, das tatsächliche Erschaffen seiner Existenz aus dem Nichts, zum Selbstzweck. So ist ihm immerhin bewusst, wer er ist, wo er herkommt, wo er hin muss. Kein Zweifel, keine Unsicherheit, alles in einer endlosen Schleife ausgebreitet. So überzeugt er auch Jane: ihr/sein Leben hat einen Sinn, während die in die Zeit und Welt geworfenen Zombies nur vor sich hin leben. Zynisch antwortet John auf die Frage nach seinem Beruf als Schreiber von schmalzigen Liebesgeschichten: „I write ‚em, they print ‚em, I eat.“ Als ob das echte Leben etas anderes wäre als ein ewig wiederkehrender Kreislauf um einen mythischen Urgrund und ein Wettlauf zu einem abstrakten Sinn des Lebens, der längst von den Marketingexperten in ein goldenes Hamsterrad umgedeutet wurde.

Stranger than fiction

Wer auf die Bedingung der Möglichkeit der Zeitschleife beharrt, wird daher auch niemals die tatsächlichen Möglichkeiten erahnen, die der Film uns vorschlägt. Innerhalb der Erzählung ist „nothing stranger than the truth“, aber auch unsere Realität ist stranger than fiction. Alles voller ferngesteuerter Zombies hier.

› tags: Film / Gender / Zeit / Zombie /

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