Für die Liebe – eine Antwort auf Eva Illouz

24. November 2014 - Kultur und Politik

Eva Illouz zerreißt in der ZEIT Martha Nussbaums Buch „Politische Emotionen“. Mich befällt beim Lesen dieses Artikels allerdings das gleiche „merkwürdige Unbehagen“, dass Illouz beim Lesen von Nussbaum überkommt. Ohne das Buch von Nussbaum gelesen zu haben, empfinde ich doch Illouz‘ Argumentation als sehr fragwürdig.

Das Hauptargument der Soziologin scheint mir folgendes zu sein: Nussbaums Priorisierung der Liebe verkenne einerseits den positiven Effekt von negativen Gefühlen für eine Gesellschaft und übersehe andererseits die negativen Folgen, wenn das Gefühl als moralische Instanz gelte.

Beim ersten Punkt bezieht sich Illouz unter anderen auf Hobbes und seinen durch Angst legitimierten Gesellschaftsvertrag. Neid, Angst, selbst Hass könnten politisch positive Folgen haben.

„Was vielleicht für Individuen gelten mag – dass nämlich negative Emotionen ihrem Wohlbefinden, ihrem Erfolg oder ihrer Liebesfähigkeit abträglich sind -, trifft womöglich auf Kollektive nicht zu, weil negative Emotionen im sozialen Leben regulative Funktionen ausüben“

Womöglich. Hobbes Annahme, dass der Mensch des Menschen Wolf sei und deshalb nur der Leviathan durch die Übertragung und Bündelung der Macht auf seine Person die Masse führen könne, ist zunächst mal nur das: eine Annahme, eine theoretischen Prämisse für seine Theorie. Warum sollte es nicht auch anders gehen? Die Aufgabe der Philosophie ist insbesondere auch zu zeigen, wie wir leben sollten und nicht den Naturzustand – der wie erwähnt nicht derjenige von Hobbes sein muss – zu legitimieren. Es fällt mir durchaus schwer, Emotionen wie Hass und Neid positive Effekte zuzugestehen. Aber vielleicht bin ich dafür einfach nicht genug Utilitarist.

Das zweite Argument von Illouz ist besser und im Kern richtig. Denn Liebe ist natürlich als moralische Instanz sehr zweischneidig. Sie macht blind, doch nicht im Sinne von Justitia. Wenn Liebe der Maßstab sei, dann könne man weder vergeben, noch urteilen. Mit Zizek gesprochen ist Liebe auch immer radikal, gewalttätig, ungerecht in der Bevorzugung des geliebten Objektes. Gerechtigkeit und Fairness seien dann nicht möglich, weil keine eigene, sprich vernünftige und distanzierte, Entscheidung mehr statt finden könne. (Wie Illouz das allerdings mit Hass oder Neid erreichen möchte, bleibt mir ein Rätsel!)

Sicher hat Illouz Recht, wenn sie der Liebe auch die negativen Auswüchse der liberalen Gesellschaft ankreidet, die Monetarisierung der Zuneigung, die Werbung und die Konsumkultur. Hier scheint mir allerdings eine sehr pessimistische Wahrnehmung des Liebes-Begriffes vorzuherrschen, der von der liberalen Konsumkultur vereinnahmt und manipuliert wurde. Denn natürlich, also von Natur aus, ist die Liebe bedingungslos, was ihre Liebhaber angeht. Liebe zu alles und jeden, ein leider utopisches Ideal?

Illouz Plädoyer für die Institutionalisierung des Gefühls mag den Missbrauch von Emotionen möglicherweise eindämmen oder gar stoppen. Dass sie damit aber gleichzeitig das per se irrationale Wesen der Gefühle abtötet, scheint sie in Kauf zu nehmen. Die pragmatische Soziologie siegt bei ihr über die Philosophie. Optimistisch wie ich bin, gewinnt bei mir allerdings immer die Liebe.

Link zum Artikel: www.zeit.de/2014/42/martha-nussbaum-politik-emotionen

› tags: Konsumgesellschaft / Liebe / Philosophie / Utopie /

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