Musik trotz Chaos – Lady Macbeth von Mzensk in der Deutschen Oper Berlin

26. Januar 2015 - Kultur und Politik

Fische. Genauer Dorsche, überall. Ole Anders Tandberg lässt an der Deutschen Oper Berlin seine Lady Macbeth von Mzensk in einem norwegischen Fischerdorf spielen. Die Verrohung der Gesellschaft am Beispiel einer Fischfabrik, in der Unterdrückung und Vergewaltigung zum Alltag gehören. Die Fische sind Waffen, Bett, Phallussymbol und Mittel zur sexuellen Frustabbau zugleich, wo sie doch im Gegensatz zu uns Säugetieren einen überaus gewaltlosen Sexualakt vollziehen.

Das Bild ist treffend, vor allem aber plakativ. Schon der Vorhang im Saal der Deutsche Oper Berlin zeigt den Blick in den Schlund eines Fisches, keine Ouvertüre bereitet den Zuschauer auf die kommende Bestie Mensch vor. Kein Vorspiel also, man(n) kommt gleich zur Sache. Von Moral oder Schönheit ist nichts zu spüren, die gelangweilte „Lady“ Katharina ermordet wenig ladylike zunächst ihren Stiefvater und daraufhin ihren Mann.

Liebe in Zeiten der Langeweile

Die Sehnsucht nach Liebe treibt Katharina an. Vom Stiefvater erzwungene Treueschwüre, als einzige und doch unvollendete Aufgabe als Kindergebären und einen hemdsärmeligen und leidenschaftslosen Mann – Katharina flüchtet sich in die sexuell erfüllende Umarmung des Arbeiters Sergej.

Doch Schostakowitsch gönnt ihr weder übermäßige Sympathie noch Mitleid. Emanzipation? Fehlanzeige. In einer Welt voller Bösartigkeit ist nichts zu gewinnen. Ihr schlechtes Gewissen und ihr Gang ins Verderben im tragischen vierten Akt machen sie zumindest menschlich. Ab und an springt ihr auch die Musik zur Seite, die womöglich das einzig „Schöne“ in dieser Welt ist. Über die Oper sagt der Komponist selber:

Sie handelt auch davon, wie Liebe sein könnte, wenn nicht ringsum Schlechtigkeit herrschte. An diesen Schlechtigkeiten ringsum geht die Liebe zugrunde. An den Gesetzen, am Besitzdenken, an der Geldgier, an der Polizeimaschinerie. Wären die Verhältnisse anders, wäre auch die Liebe eine andere.

Ironie und Ekel

Die Doppelbödigkeit des Werkes ist verblüffend. Die Gewalt und das Böse sind allgegenwärtig und doch nichts Außergewöhnliches in dieser Welt. Fast beiläufig werden Frauen vergewaltigt und Menschen ermordet. Es erschreckt daher ein bisschen, dass der Abend im Publikum trotz allem eine fast heitere Stimmung weckt. Der demonstrativ ausgestellte Sarkasmus von Schostakowitsch mag ein Grund dafür sein.

So wird etwa die damals skandalöse Beischlafszene – wie im Original – vollständig musikalisch durchgespielt und Sergejs Höhepunkt endet erheiternd mit dem abrupten Abklingen der Posaune. Die umstehende Brassband marschiert nicht nur hier überzeichnet durch das Bild, des Öfteren markiert sie einen wunderbar surrealen Einschlag. Die Musik selbst hat kurze Momente größter Komik zu bieten und erinnert stellenweise an Zirkusmotive und Slapstickeinlagen. Einzig die Polizisten, die im dritten Akt ihren sexuellen Spaß mit ihren Bügelbrettern ausleben, driften etwas zu sehr in die Vulgarität ab.

Musik im Chaos

Der andere Grund ist die hervorragende Musik und die durchweg fabelhaften Sänger, bei denen Evelyn Herlitzius als Katharina Ismailowa herausragt. Kraftvoll gesungen und hervorragend dargestellt gibt sie ihrer Figur ein wenig Wärme in dieser rohen Welt. Sir John Tomlinson als ihr Stiefvater bringt das Auditorium mit seinem Bass zum vibrieren, der Kälte seiner Figur geschuldet bleiben seine Parts jedoch eher karg komponiert. Gerne würde man seine Stimme einmal in voller, zügelloser Leidenschaft erleben.

Auch im Rest des Ensembles ist kein Schwachpunkt auszumachen, was natürlich auch für die wunderbaren Chöre gilt. Vielleicht müsste man noch Stephen Bronks überzeugende Gestaltung des alten Zwangsarbeiters positiv hervorzuheben.

Über das Dirigat von Donald Runnicles lässt sich ebenfalls kein negatives Wort verlieren, bringt er Schostakowitschs Musik doch eindrücklich und sehr präsent zur Geltung, ohne der Bühne – eine übrigens sensationelle Arbeit von Erlend Birkeland – die Show zu stehlen.

Die damals – von Stalin in Auftrag gegebene – vernichtende Kritik an der Oper („Chaos statt Musik“) muss daher gewendet werden: im allzu menschlichen Chaos ist die Musik das letzte ordnende Element.

Fazit

Obwohl einzelne, vulgär gezeichnete Effekte über das Ziel hinausschießen, ist „Lady Macbeth von Mzensk“ in der Inszenierung von Ole Anders Tandberg ein treibender, packender Opernabend, der Aufmerksamkeit verdient und bekommen wird.

› tags: Oper /

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