Das weite Land im Deutschen Theater Berlin

15. Dezember 2014 - Theater

Jette Steckel inszeniert Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ am Deutschen Theater Berlin als groß angelegte Therapiesitzung. Das dialoglastige Stück buchstabiert dabei die moralischen Dilemmata und Lebensentwürfen der Protagonisten bewundernswert deutlich und zeitgemäß aus. Die ein oder andere Länge ist zu verzeihen.

Traumdeutung
Wem Arthur Schnitzler kein Begriff ist und wer nicht um seine Nähe zur Psychoanalyse und Sigmund Freud weiß, der wird hier früh abgeholt. Das Licht im Saal ist noch nicht verloschen, da geht die Sitzung schon los, eine Couch im Vordergrund, ein Berg – ja, ein Berg – aus Sofas im Hintergrund: „The Doctor is in“.

Doch eigentlich müssen sich die Charaktere selber ihre Träume deuten. Da ist Friedrich, der notorische Fremdgänger, und seine Frau Genia, nach der sich ein russischer Pianist verzehrte und schließlich umbrachte. Da ist Erna, jung und gar nicht so naiv, die Friedrich liebt und sich ihm bedingungslos hingibt. Und Otto, mit dem Genia ein Verhältnis beginnt und am Ende im Duell mit Friedrich den Tod findet.

Die Seele ist ein weites Land
Geheimnisse gibt es kaum, ständig spricht man sich aus, erklärt seine Taten und versucht das Innerste nach außen zu kehren. Doch Erlösung findet niemand, vor allem nicht durch das ständige Reden und Sprechen, das sich am Ende immer um das gleiche Thema zu drehen scheint: der schmalen Grenze zwischen dem vernünftigen, liebenden Kulturmenschen und dem getriebenen, begehrenden Menschentier. Die Handlungen, meistens sexueller Natur, finden entsprechend hinter oder auf dem Sofaberg statt, dessen Besteigung auch inhaltlich eine Art Katharsis für Friedrich bildet. Jedoch eine unvollendete. Während Friedrich und Erna nach ihrer Liebesnacht auf dem Berg herumturnen, stoßen sie – leichtbekleidet – Tierlaute aus. Nur Doktor Mauer hält an Moralvorstellungen fest, doch verharrt er handlungsunfähig – und ein wenig sich selbst verleugnend – in seiner moralischen Schockstarre.

Sünden, so die Fabel, begehen alle, sobald sie handeln. Friedrich tut dies sehr bewusst und offenen Auges, Genia hingegen treibt durch ihre Ehetreue den Pianisten in den Tod. Unschuldig sei sie, so stellt Friedrich fest, doppelt sogar, aber eben doch Grund für den Selbstmord. Im Versuch, seine Ehre wieder herzustellen und den Ehebruch seiner Frau im Duell mit Otto zu rächen, kollabiert sein Lebensentwurf. Otto stirbt.

„Wir versuchen wohl Ordnung in uns zu schaffen, so gut es geht, aber diese Ordnung ist doch nur etwas Künstliches. Das Natürliche ist das Chaos.“ (Aigner, 3. Akt)

Ein Panoptikum an Beziehungen und Moralvorstellungen breitet sich auf der Bühne aus, untermalt werden einzelne Momente mit einer melancholischen Musik und Grundstimmung. Schnitzlers Traumnovelle und dessen Verfilmung durch Kubrik verhandeln ähnliche Themen und dürften Pate gestanden haben. Im Chaos ihrer Triebe und doch wissentlich gehen die Menschen ins Verderben. Am Ende kann niemand in die Seele der Menschen schauen, den Knoten am Grund des Traumes lösen. Die Therapie ist misslungen, ein Patient tot.

Theatrale Psychoanalyse
Die „Sitzung“ zieht sich am Ende etwas hin trotz äußerst interessanter Dialoge, die ohne Verlust in eine zeitgemäße, alltägliche Sprache übertragen wurden. Das Stück erscheint passend für eine heutige Zeit, in der ehemals feste Strukturen wie Treue, Familie und Liebe aufweichen und Menschen vor der laufenden Kamera des Social Webs ihre Seele entblößen. Alles ist bekannt, nichts verstanden. Dass Jette Steckel den Text für sich sprechen lassen möchte, ist ihr Verdienst, lässt den Abend jedoch stellenweise ein wenig mutlos erscheinen. Für Freunde von anspruchsvollen Dialogen und ebenso soliden bis guten schauspielerischen Leistungen ist das Stück jedoch sehr zu empfehlen.

„Das weite Land“ im Deutschen Theater Berlin
„Das weite Land“ im Volltext auf Zeno.org

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