Fremde Kultur: Schwanensee in Shanghai

8. Dezember 2015 - Kultur und Politik

Fremde Kulturen erschließe ich am liebsten über das regionale Essen. Mit Kultur kann man jedoch dasselbe erreichen. Insbesondere mit einem Stück, das einem bekannt ist: Schwanensee in Shanghai.

Schwanensee der Shanghai Ballett Company

Statt deutscher Zurückhaltung, d.h. Steifheit, war die Stimmung im Saal gelöst. Teilweise wilder Applaus unterbrach Musik und Tanz und viele Zuschauer zückten regelmäßig ihre Smartphones und Kameras, um einzelne Szenen zu fotografieren. Mit Blitzlicht. Strategisch platzierte Mitarbeiter waren mit grünen Laserpointern bestückt und versuchten die euphorischen Zuschauer zu bremsen, doch der Einsatz der Pointer wurde nur mit einem genervten Blick und einer kurzen Pause quittiert, bevor das Handy wieder aus der Tasche geholt wurde. Der Obrigkeit ist man hier dann hörig, so scheint es, solange niemand hinschaut…

Die eigene Rezeption von Kultur ist tief verankert, gelernt durch zahlreiche böse Blicke unzähliger deutscher Theatergänger, Museumsangestellter und Lautsprecherdurchsagen. Ob das Beispiel Shanghai die Lösung ist, will ich nicht behaupten, dafür wurde die Musik zu oft unhörbar vom unkontrollierten Publikum. Auf der anderen Seite: Emotionen sind doch schön und der technische Fortschritt sowieso viel zu lange aus den altehrwürdigen Kultursälen Deutschlands ausgesperrt.

Kultur-Zensur

Das Verhalten der Zuschauer zu maßregeln kam mir nie in den Sinn. Die Laserpointer schwenkenden Mitarbeiter, bzw. der Veranstalter, sahen das natürlich anders. Die Ballett Company wohl auch: Die zensierte nämlich das Stück selbst. Die Beziehung zwischen Prinz Siegfried und Benno wurde fast vollständig entfernt, Benno hat lediglich einen verwirrenden Kurzauftritt. Von der engen Beziehung der beiden, die in vielen westlichen Inszenierungen heute etwas Homoerotisches ausstrahlt, fehlt jede Spur. Ich werde den wahren Grund nicht erfahren, ein fader Beigeschmack bleibt an einem ansonsten sehr schönen Abend, der bis auf einige Unsicherheiten im Schwanenballett durchaus überzeugen wusste. Ihr Ziel hat die Kulturveranstaltung erreicht: Sie hat mich als Zuschauer – wenn auch eher durch die äußeren Umstände – mal wieder aus meiner westlichen Filterblase gerissen und mir „fremde“ Kultur näher gebracht.

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